München hat ein kostenloses Bundesprogramm für Migrantenkinder im Sportverein, kaum eine Familie kennt es

Das Bundesprogramm „Integration durch Sport” (IdS) verbindet seit 1989 Menschen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte mit örtlichen Sportvereinen, getragen vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zusammen mit dem Bundesministerium des Innern und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Bundesweit sind nach BLSV- und DOSB-Angaben rund 1.500 Vereine an das Programm angeschlossen, das BAMF selbst nennt für 2024 eine etwas niedrigere Zahl von rund 1.400 (die genaue Zahl schwankt, weil Vereine laufend dazukommen oder ausscheiden), rund 890 davon tragen den besonderen Status Stützpunktverein. In Bayern koordiniert der Bayerische Landes-Sportverband (BLSV, erreichbar über integration@blsv.de oder 089 15702-474) das Programm, in München läuft es über vier Partner: das Sozialreferat, das Sportamt im Referat für Bildung und Sport, die Münchner Sportjugend (MSJ) und das eigene IdS-Team des BLSV. Das bayernweite Projekt „Sport schafft Heimat” feiert 2026 sein zehnjähriges Bestehen, unterstützt jährlich rund 100 bis 120 bayerische Vereine und erreichte zwischen 2022 und 2025 im Schnitt rund 4.600 Sportlerinnen und Sportler mit Fluchthintergrund pro Jahr. Einen Verein findet man am schnellsten über die kostenlose Sportangebote-Datenbank der MSJ, inzwischen unter msj-portale.de statt der alten msj.de-Adresse erreichbar. Für die Kosten gibt es Hilfe: Haushalte mit Bürgergeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld erhalten über das Bildungspaket 15 Euro monatlich für den Vereinsbeitrag, der Sonderfonds Ankommen im Sport für kostenlose Mitgliedschaften war zuletzt nach Angaben des Kinderhilfswerks mit seinen bundesweit 100.000 Euro ausgeschöpft.

Was wirklich gilt

Wer als Migrantenfamilie in München ankommt, hört oft den gut gemeinten Rat, das Kind solle doch einfach einem Sportverein beitreten. Nur: welchem der mehreren hundert Münchner Vereine, wenn man noch niemanden kennt, kaum Deutsch spricht und keine Ahnung hat, wo man überhaupt willkommen ist? Genau für diese Lücke gibt es ein konkretes, seit Jahrzehnten laufendes Bundesprogramm, das trotzdem kaum bekannt ist.

„Integration durch Sport” (IdS) ist kein befristetes Pilotprojekt, sondern ein etabliertes Bundesprogramm. Laut BLSV läuft es bereits seit 1989, getragen vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Abstimmung mit dem Bundesministerium des Innern und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das selbst auf seiner eigenen Programmseite für 2024 rund 1.400 programmnahe Vereine nennt. BLSV und DOSB sprechen bundesweit meist von rund 1.500 angeschlossenen Vereinen, davon etwa 890 mit dem besonderen Status Stützpunktverein: Vereine mit eigens geschulten Übungsleiterinnen und Übungsleitern für niedrigschwellige Angebote. Dass die Zahlen zwischen den Quellen leicht schwanken, liegt schlicht daran, dass Vereine laufend dazukommen oder aus der Förderung herausfallen, eine einzige, immer aktuelle Liste gibt es nicht.

Wo Sie Hilfe bekommen, und was das konkret bedeutet
AnlaufstelleFür wenWas Sie konkret bekommen
MSJ Sportangebote-Datenbank (msj-portale.de/sportangebote)Jede Familie, die einen Verein suchtKostenlose, durchsuchbare Datenbank mit tausenden Jugendsportangeboten, filterbar nach Sportart, Alter, Wochentag und Stadtbezirk
BLSV-Team Integration durch Sport (integration@blsv.de, 089 15702-474)Familien, die direkt zu einem einsteigerfreundlichen Verein geführt werden wollenKostenlose Beratung und Kontakte zu aktuellen Stützpunktvereinen in Bayern
Bildungspaket (Bildungs- und Teilhabepaket)Haushalte mit Bürgergeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld15 Euro im Monat für den Vereinsbeitrag eines Kindes
Ankommen im Sport (Deutsches Kinderhilfswerk mit der Deutschen Sportjugend)Geflüchtete Kinder, über einen teilnehmenden VereinIm Idealfall kostenlose Mitgliedschaft plus Grundausstattung, Fondstopf war zuletzt ausgeschöpft, beim Verein direkt nachfragen

In München selbst trägt nicht eine einzelne Stelle das Programm, sondern vier Partner gemeinsam. Die Münchner Sportjugend beschreibt die Kooperation aus dem Sozialreferat, dem Sportamt, heute Teil des städtischen Referats für Bildung und Sport, der Münchner Sportjugend (MSJ) selbst und dem eigenen IdS-Team des BLSV. Zusammen betreiben sie die „Interkulturelle Vereinsentwicklung”, einen strukturierten, rund zweijährigen Beratungsprozess, der einzelnen Münchner Vereinen hilft, sich aktiv für Migrantencommunitys zu öffnen, statt nur passiv Mitglieder aufzunehmen, die zufällig vorbeikommen. Der Hintergrund, warum das kein Randthema ist: Schon damals hatte laut derselben Quelle die Hälfte der Münchner Kinder und Jugendlichen unter 18 einen Migrationshintergrund, und Münchens Vereine treffen auf Menschen aus mehr als 180 Nationen.

Wie viel das Programm tatsächlich bewegt, zeigt das bayernweite Partnerprojekt „Sport schafft Heimat”. Laut dem eigenen Jubiläumsartikel des BLSV feiert das 2016 vom bayerischen Innenministerium zusammen mit dem BLSV gestartete Projekt 2026 sein zehnjähriges Bestehen, der Höhepunkt ist für den 5. Dezember 2026 im Haus des Sports in München geplant. Projektkoordinator Martin Goerlich beziffert die jährliche Unterstützung auf „rund 100 Vereine niedrigschwellig bei ihrer Integrationsarbeit”, an anderer Stelle im selben Artikel ist von bis zu 120 Vereinen pro Jahr die Rede. Zwischen 2022 und 2025 erreichte das Projekt im Schnitt rund 4.600 Sportlerinnen und Sportler mit Fluchthintergrund jährlich, vollständig finanziert vom bayerischen Innenministerium.

Verschiedene Bälle, ein Fußball, ein Volleyball und ein Federball, nebeneinander auf dem Boden einer Sporthalle, ohne Personen oder lesbaren Text im Bild

Einen konkreten Verein findet man am schnellsten über die Sportangebote-Datenbank der MSJ, allerdings unter einer neuen Adresse. Die alte URL msj.de/sportangebote leitet inzwischen automatisch auf msj-portale.de/sportangebote weiter, ein reiner Domain-Umzug, die Suche selbst ist weiterhin kostenlos und nach Sportart, Alter, Wochentag und Stadtbezirk filterbar. Für die Kosten gibt es zwei getrennte Unterstützungswege, die man nicht verwechseln sollte. Über das Bildungspaket erhalten Haushalte mit Bürgergeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld pauschal 15 Euro im Monat für den Vereinsbeitrag eines Kindes, ein laufender, verlässlicher Zuschuss. Der Sonderfonds Ankommen im Sport des Deutschen Kinderhilfswerks mit der Deutschen Sportjugend deckt dagegen im Idealfall eine komplette kostenlose Mitgliedschaft plus Grundausstattung wie Trainingsanzug oder Sportschuhe ab, war aber bundesweit von vornherein nur mit 100.000 Euro ausgestattet und laut Angaben des Kinderhilfswerks inzwischen wegen hoher Nachfrage ausgeschöpft, neue Anträge sind derzeit nicht möglich. Das heißt nicht, dass einzelne Vereine keine laufenden Zusagen mehr haben, wer aber neu plant, sollte den Verein direkt fragen statt sich allein auf diesen Fonds zu verlassen.

Was echte Leute sagen

Ein rein amtlicher Blick aufs Programm würde die Debatte zu glatt erscheinen lassen, deshalb lohnt sich der Blick auf unabhängigere Stimmen. Die Sport- und Gesundheitsberaterin Joan Völker schreibt in ihrem Beitrag „Integration durch Sport, ist das wirklich so?” offen, dass „der Sport gar nicht so offen und sozial [ist], wie er sich immer gibt”, und verweist auf Vereinsentwicklungsberichte, wonach das Engagement für Menschen mit Migrationshintergrund in vielen Vereinen bislang eine untergeordnete Rolle spielt. Als Beleg nennt sie eine Zahl, die zum Nachdenken anregt: Nur etwa jede vierte Person mit Migrationshintergrund engagiert sich ehrenamtlich im Sport, gegenüber jeder zweiten Person ohne diesen Hintergrund. Gleichzeitig beschreibt sie, warum viele Neuankömmlinge zunächst zu Vereinen wie Club Italia, Türkgücü oder FC Internationale finden, dort wird zumindest anfangs auch in der eigenen Sprache kommuniziert, was die Hürde spürbar senkt. Ihr Fazit ist trotzdem kein Verzicht auf klassische Vereine: Geflüchtete brächten oft Talent, fachliche Erfahrung und frischen Schwung mit, von dem auch überalterte Vereinsstrukturen profitieren könnten, wenn Vereine sich aktiv vorbereiten, statt nur zu warten.

Die Bundeszentrale für politische Bildung ordnet das Ganze in ihrem Kurzdossier „Sport verbindet!?” nüchterner ein und unterscheidet zwischen „Integration in den Sport” (Mitglieder werden sozial Teil der Vereinsgemeinschaft) und „Integration durch Sport” (im Verein erworbene Kompetenzen wirken auch in Schule, Arbeit und Gesellschaft). Für Letzteres räumt das Dossier offen ein, empirische Forschung könne bislang „keinen befriedigenden Nachweis” liefern, so plausibel die Theorie klingt. Zugleich benennt es, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Sportvereinen weiterhin unterrepräsentiert sind, Mädchen und Frauen besonders stark, und dass dahinter oft weniger kulturelle als schlicht sozioökonomische Gründe stehen, wenn eine Familie mit dem Vereinsbeitrag schon andere Prioritäten hat. Selbst formal offene Vereine schließen über gewachsene Vereinskultur, Traditionen und ungeschriebene Regeln mitunter aus, weshalb das Dossier gezielte „interkulturelle Öffnung” statt bloßer Beitrittsmöglichkeit fordert, genau das, woran Münchens vierteilige Partnerstruktur mit der Interkulturellen Vereinsentwicklung arbeitet.

Auf der praktischen Ebene deckt sich das mit dem, was der deutschsprachige Ratgeber von Handbook Germany zur Vereinsmitgliedschaft empfiehlt: die Vereinsübersicht der eigenen Stadt prüfen, die Kombination aus Stadtviertel, Sportart und dem Wort „Verein” googeln, und wer dabei nicht weiterkommt, kann sich an eine Beratungsstelle des Jugendmigrationsdienstes (JMD) wenden, ein Angebot, das in den offiziellen IdS-Quellen selten auftaucht, aber genau für diese erste Orientierung gedacht ist. Für den eigentlichen Einstieg reicht praktisch überall ein kostenloses Probetraining, unabhängig vom Deutschniveau.

Schritt für Schritt

  1. Starten Sie mit der MSJ-Sportangebote-Datenbank unter der aktuellen Adresse msj-portale.de/sportangebote, filtern Sie nach Sportart, Alter des Kindes und Stadtbezirk. Die alte Adresse msj.de funktioniert zwar noch über eine Weiterleitung, aber die neue URL lohnt sich fürs Lesezeichen.
  2. Kommen Sie darüber nicht weiter, kontaktieren Sie das Team Integration durch Sport des BLSV direkt, per E-Mail an integration@blsv.de oder telefonisch unter 089 15702-474, mit Angabe von Alter, Sportinteresse und Stadtteil Ihres Kindes.
  3. Fragen Sie bei jedem Verein aktiv nach einem Probetraining, unabhängig vom Deutschniveau, das ist an praktisch jedem Münchner Verein Standard und der schnellste Weg, die Passung zu testen, bevor Sie sich festlegen.
  4. Ist der Mitgliedsbeitrag das eigentliche Hindernis, beantragen Sie beim Jobcenter das Bildungspaket, Haushalte mit Bürgergeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld erhalten so 15 Euro im Monat dazu. Fragen Sie den Verein zusätzlich, ob er selbst Zugang zu Fonds wie Ankommen im Sport hat, auch wenn der bundesweite Fondstopf zuletzt ausgeschöpft war.
  5. Bei sprachlichen Hürden lohnt sich zusätzlich eine Beratungsstelle des Jugendmigrationsdienstes (JMD) in der Nähe, dort gibt es Unterstützung, die über die reine Vereinssuche hinausgeht.
  6. Möchten Sie als Frau oder Mädchen ab 16 Jahren mit Migrationshintergrund selbst als Übungsleiterin einsteigen, fragen Sie MSJ oder das IdS-Team des BLSV gezielt nach der Ausbildung „Übungsleiterin interkulturell”.

Hinweis zur Aktualität

Diese Seite beschreibt das Bundesprogramm „Integration durch Sport” und seine Münchner Struktur, Stand Mitte 2026. Fachkreise diskutieren derzeit öffentlich über die verlässliche Finanzierung des Programms über die kommende Förderperiode ab 2027 hinaus, am laufenden Betrieb ändert das bislang nichts. Programmkontakte, Fördermittel wie der Sonderfonds Ankommen im Sport und der Stützpunktverein-Status einzelner Vereine können sich ändern, bestätigen Sie aktuelle Details deshalb direkt beim BLSV-Team Integration durch Sport oder der Münchner Sportjugend, bevor Sie danach handeln.

Häufige Fragen & Stolperfallen

Ist das Programm für unsere Familie wirklich kostenlos, oder öffnet es nur die Tür?

Das Programm selbst, die Beratung, die Vereinsvermittlung, das Probetraining, kostet nichts. Den Mitgliedsbeitrag Ihres Kindes hebt das nicht automatisch auf, den legt jeder Verein selbst fest. Dafür lässt sich echte Kostenhilfe kombinieren: Mit Bürgergeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld im Haushalt zahlt das Bildungspaket 15 Euro monatlich dazu. Der Sonderfonds Ankommen im Sport, der im Idealfall eine komplette kostenlose Mitgliedschaft plus Ausrüstung ermöglicht, ist bundesweit allerdings nur mit 100.000 Euro ausgestattet und war zuletzt nach Angaben des Kinderhilfswerks ausgeschöpft. Fragen Sie Ihren Zielverein trotzdem direkt, ob er eine laufende Zusage oder einen anderen lokalen Fördertopf hat.

Müssen wir schon Deutsch können, bevor unser Kind über dieses Programm einem Verein beitritt?

Nein, genau das soll das Programm überflüssig machen. IdS bildet eigens „Übungsleiter interkulturell” aus und stattet bundesweit rund 890 Stützpunktvereine speziell dafür aus, dass Sprache nicht die erste Hürde ist. Ein Probetraining zu erfragen, egal auf welchem Deutschniveau, ist an praktisch jedem Münchner Verein üblich. Wer zusätzlich Unterstützung braucht, findet sie auch bei einer Beratungsstelle des Jugendmigrationsdienstes.

Wie finden wir heraus, ob ein bestimmter Münchner Verein wirklich ein Stützpunktverein ist?

Eine einzige, immer aktuelle öffentliche Liste gibt es nicht, dafür wechselt die Mitgliedschaft zu oft, wenn Vereine dazukommen oder aus der Förderung herausfallen. Selbst offizielle Quellen wie DOSB und BAMF nennen deshalb leicht unterschiedliche Gesamtzahlen. Der zuverlässige Weg ist die direkte Nachfrage: eine E-Mail an integration@blsv.de oder ein Anruf unter 089 15702-474, mit Angabe von Alter, Sportinteresse und Stadtteil Ihres Kindes, dann nennt man Ihnen aktuelle Stützpunktvereine in Ihrer Nähe.

Wäre unsere Familie mit einem migrantisch geprägten Verein wie Türkgücü eigentlich besser beraten als mit einem klassischen deutschen Verein?

Das hängt wirklich davon ab, was gerade gebraucht wird. Vereine wie Münchens eigenes Türkgücü, dessen Wurzeln auf eine 1972 von türkischen Arbeitsmigranten gegründete Mannschaft zurückgehen (die offizielle Vereinsgründung folgte 1975), sind für viele Familien mit wenig Deutsch oder für manche muslimische Frauen und Mädchen oft der realistischere erste Kontaktpunkt zum organisierten Sport, weil dort anfangs auch in der eigenen Sprache kommuniziert wird. Fachliche Einordnungen wie das Kurzdossier der Bundeszentrale für politische Bildung behandeln demokratisch organisierte Migrantenvereine ausdrücklich als legitime Form der Teilhabe, nicht als Integrationsverweigerung. Viele Familien nutzen einen solchen Verein als Ausgangspunkt und wechseln später in einen klassischen Verein, andere bleiben einfach, beides ist ein normales Ergebnis.